Gedankenexperiment – Unsere Daten

Hier eine kleine ethische Überlegung, welche sich um unsere Daten handelt, wie wir mit ihnen umgehen und was wir aus ihnen gewinnen. Ein Gedankenexperiment, das zum Nachdenken anregen soll. „Wie würde ich mich verhalten? Würde ich mitmachen?“

Die Idee dieser Alternative, Möglichkeit, App, Software oder wie auch immer man es nennen will habe ich von dem Buch „Zero“ von Marc Elsberg. Dieser Science- Thriller beschäftigt sich mit Big Data und den Gefahren und Chancen, welche uns erwarten können. Er spielt nicht in einer futuristischen Zukunft, sondern im jetzt mit ein paar Änderungen. Schon jetzt werden wir kontinuierlich abgehört und überwacht. Jede einzelne Tätigkeit, die wir online tätigen wir gespeichert.

Wie ich schon in dem Artikel „Big Data“ schrieb, stellt die Datenverwertung eine riesige Chance dar. Sie hat das Potential unser Leben von einer Wundertüte der zukünftigen Unwissenheit in eine höchst präzise Wahrscheinlichkeitsberechnung zu verwandeln. Daten sind das neue Gold, der Wert einzelner Firmen wird nicht nur am Umsatz, sondern auch und immer mehr an den Datengewinnungspotentialen bemessen, Werbung wird für uns individualisiert, Apps passen sich unseren Bewegungsmustern an und Geheimhaltung ist schwieriger als je zu vor.

Generell müssen wir uns im Großen und Ganzen damit zurechtfinden, dass die Privatsphäre der Vergangenheit angehört. Es gibt noch Möglichkeiten der Verschlüsselungen und des Schutzes vor Überwachung, doch für den Großteil aller Menschen bleiben diese Verschlüsselungstipps entweder uninteressant oder irrelevant. Wie sollen wir darauf reagieren? Sollen wir uns einfach überwachen lassen oder wehren wir uns dagegen mit Protesten, Bitten an Politikern und digitaler Abstinenz? Realistisch ist eine spontan globale digitale Abstinenz aus Protestgründen keineswegs, deshalb nimmt „Zero“ einen anderen Ansatz, um das Spiel unserer Daten aus den Händen der großen Konzerne zu nehmen.

In „Zero“ gibt es eine App mit dem Namen „Freemee“. Diese bietet mit zahlreichen intelligenten Ratgebern, Zukunftsvorhersagen, Interaktionsmöglichkeiten mit Anderen, Persönlichkeitsentwicklungstipps, gezielten Hilfen für den Alltag und anderen Features eine große Auswahl, um sich selbst zu verbessern und das leichter und besser meistern zu können. Wie können sie es schaffen individuelle Tipps an Millionen Nutzer zu versenden, die auch noch zutreffen und den Kunden die Chance auf die beste Selbsthilfe aller Zeiten gibt? Indem sie deine Daten auswerten. Doch sie habe das Ganze umgedreht, anstatt einer kontinuierlichen geheimen Überwachung der Personen und einer Aufzeichnung des Browserverlaufes, der GPS-Daten und anderen Informationen bitten sie den Kunden dazu, die Daten aufzuzeichnen. Ihr Geschäftsmodell beruht auf der effizientesten Datengewinnung, die es geben kann. Durch den Nutzer, der dies auch noch freiwillig und in bestem Gewissen macht. Mit Handy, Smartwatch, Fitnessband und anderen technischen Hilfsmitteln bewaffnet zeichnet der Kunde seine Daten selbst auf, beantwortet private Fragen, notiert seine Gedanken, Wünsche, Bedürfnisse und Träume, macht Bilder von sich und seinem Umfeld und ermöglicht so der App die Einsicht in seinen Tagesablauf in detailliertester Form.

Warum geben die Kunden ihre privaten Daten, also ihr wichtigstes Gut einfach preis ohne viel zögern und hinterfragen? Ein Grund ist die Bezahlung in einer fiktiven Währung an den Kunden, die umso besser wird, wenn mehr Daten gesammelt werden und das Profil der Person in allen Bereichen zu einem offenen Buch wird. Dieses Geld können sie sich aufzahlen lassen oder für eine der zahlreichen Hilfe-Apps verwenden. Gegen schlechte Noten in der Schule gibt es eine Lernapp, die psychologisch und pädagogisch auf die perfekte Art des Lernens in der richtigen Zeit vorgibt, mit Lernspielen, Tipps und zahlreichem mehr. Gegen Einsamkeit gibt es Datingapps, die durch dein aufgeschlossenes Profil den perfekten Partner für dich suchen. Dazu Koch- Sozialleben- Sport- Abnehm- Vorhersage- und Selbstverwirklichungsapps, die für ein besseres und vor allem einfacheres Leben sorgen.

Der andere Punkt ist die Frage, was es überhaupt bringen soll, wenn unsere eigenen Daten sowieso kein Geheimnis mehr sind und die großen Konzerne sich gegenseitig mit ihnen bereichern. „Warum sollten nur sie davon profitieren, wenn ich mir auch selbst mit ihnen ein besseres Leben verschaffen kann?“ Diese berechtigte Frage gilt es tatsächlich zu stellen und sie ist gar nicht so einfach zu beantworten. Privatsphäre ist ein Mythos, Überwachung spätestens seit Edward Snowden ein Fakt und dennoch sind wir so pedantisch darauf versessen, dass unsere Privatsphäre uns eigenes kleines Heiligtum ist.

Stellt euch einmal vor, wie es wäre, wenn ihr morgen ein Paket von einem anonymen Absender erhalten würdet. In diesem Päckchen wären ein Gerätund ein Brief mit folgender Mitteilung „Dieses Gerät wird von uns überwacht, alles was sie sagen, sprechen und schreiben wir aufgezeichnet und an uns gesendet. Wir orten ihr Signal per GPS uns erstellen ein akkurates Bewegungsmuster von ihrem täglichen Alltag. Dieses Wissen nutzen wir für gezielte individuelle Werbung, die sich zum Kauf animieren soll und selbstredend würden wir ihre Daten auch an den Höchstbietenden verkaufen, wenn es eine lukrative Summe wäre. Wenn sie es mit sich tragen und nicht wegwerfen belohnen wir sie mit einem hohen Konsum an unwichtigen Medien und Informationen, einer abhängig machenden Anzahl an Apps, die für sie zum heiligen Grahl des Austausches transformiert wird, weniger Bewegung und Augenschmerzen und vielen weiteren Belohnungen“ Wir würdet ihr reagieren? Wie würde ich reagieren? Mit der gleichen Reaktion. Wir würden das Gerät in hohem Bogen von einer Brücke werfen und dafür sorgen, dass es auf den tiefsten Grund des Sees versinkt.

Dieses Gerät ist mittlerweile allgegenwärtig und macht genau das, was von dem ominösen Absender garantiert, doch es ist uns egal. So lange wir weiterhin surfen, chatten, schauen und spielen können bleibt es unser treuerster Begleiter. Warum also dann nicht den Schritt wagen und selbst als Datensammler emporsteigen, wenn es an unserer allgegenwärtigen Situation nichts ändern würde?

Die Frage ist schwierig. Wir wissen die Antwort eigentlich und doch bin ich mir sicher, dass die meisten, ich eingeschlossen diese App ablehnen würde. Viele würden sie vielleicht aufs Größte verteufeln und an den medialen Pranger stellen. „Was fällt es denen ein so etwas zu verlangen? Ich soll meine wichtigen Daten für ein paar Selbsthilfeapps hergeben? Den Teufel werd ich tun!“

Im weiteren Verlauf des Buches „Zero“ wird sich herausstellen, dass die App die ein oder andere Schattenseite parat hält und natürlich gibt es immens viele Gründe, so ein Programm abzulehnen. Das Verlieren der Eigenständigkeit, ein Wettkampf im Datensammeln, massige ethische Probleme, dem Verlassen auf eine App und nicht auf die eigene Intuition und vielen weiteren Dingen. Doch rudimentär betrachtet bleibt die Frage am Ende dieses Textes gleich. „Wenn unsere Daten sowieso keine Geheimnisse mehr sind und die ganzen Konzerne wie Facebook, Google und Co vor Freude im Kreis springen, warum sollten wir dann nicht auch davon profitieren können?“

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