Wie Sprache unser Denken formt

Sprache ist ein faszinierendes Phänomen. Von klein auf lernen wir die Sprache, die uns unser ganzes Leben lang begleiten wird. Wir kommunizieren, denken und, nehmen tatsächlich auch mit ihr wahr. Psychologisch betrachtet, ist die Sprachvariation in unserer großen weiten Welt ein wahres Festessen an Unterschieden, die mit unserem Denken und Empfinden zu tun hat. In diesem Text soll es um dieses Thema gehen. Dabei gehe ich auf die unterschiedlichen Sprachen und Kulturen ein und inwiefern sie unser Denken maßgeblich beeinflussen und untermale diese an ein paar Beispielen.

Die Wahrnehmungsunterschiede verschiedener Kulturen

 Die in Weißrussland geborene Kognitionswissenschaftlerin und Linguistin Lera Boroditsky hat für ihre Forschung für die Standfort University beeindruckendes darstellen können. Sie hat damit eine Debatte ins Rollen gebracht, die schon seit Platon immer wieder aufgeworfen wurde. Sprache bestimmt wie wir denken. Ein besonders interessantes Beispiel ist unsere Orientierung. Unsere deutsche Sprache und auch in den meisten bekannten Sprachen ist voll mit Präpositionen und Referenzpunkten für die einfachere Orientierung. Die Fernbedienung liegt unter dem Sofa, die Eier stehen neben dem Käse, dein Schlüssel ist auf der Kommode und so weiter. Eine wirkliche Leitlinie mit konkreten Koordinaten unter wenigstens akkuraten Himmelsrichtungen ist das eher nicht. Haben wir Menschen mit unserer Sprache einfach einen eingeschränkten Orientierungssinn, der nur durch solche Beschreibungen funktionieren kann? Tatsächlich nicht. In Australien gibt es nämlich mehrere Aborigines- Stämme, unter anderem die Pormpuraawin in der Nähe von Cape York in Nordaustralien, die sich ganz anders orientieren. Sie benutzen weder den eigenen Körper, noch andere Objekte für die Zurechtfindung, sondern Himmelsrichtungen. Ihre ganze Kommunikation ist auf den Bezeichnungwn wie Nordnordwest oder Südost aufgebaut

A: „Wohin gehst du?“ (anstelle von Hallo)

B: „Ein kurzes Stück nach Nordnordwesten!“ (ebenfalls Hallo)

Und damit finden sich hervorragend zurecht. Lera Boroditsky hat diesen Stamm besucht und bat ein fünfjähriges Mädchen, nach Norden zu zeigen. Ohne Probleme konnte sie in die genaue Richtung zeigen, an denen der Großteil aller Europäer ohne Kompass klaglos scheitern würde. Egal ob Wissenschaftler, Handwerker oder Schüler, die wenigsten können Himmelrichtungen auch nur ansatzweise so präzise wie dieses fünfjährige Mädchen deuten. Für sie und ihren Stamm gibt es kein links oder rechts. Sie benötigen es nicht.

Die Sprache ist die Kleidung der Gedanken

Samuel Johnson, Dichter und Schriftsteller

Die Idee des Einflusses der Sprache auf die Kognition ist jahrhundertealt.  Schon Wilhelm von Humboldt und Johann Gottfried Herder, beides Dichter, Gelehrte und Kulturphilosophen vertraten diese Ansicht. Trotz den, bis in den 70er Jahren wenigen empirischen Beweisen war die Theorie äußerst interessant für Linguisten auf dem ganzen Globus. Die Namensgeber der „Sapir-Whorf-Hypothese“, Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf waren schon in in den frühen Jahren des 20.Jahrhunderts fest davon überzeugt und trotz des kurzzeitigen Verblassens der Theorie zum Jahrtausendumbruch ist sie in den letzten Jahren wieder in die Mode gekommen und das mit faszinierenden Beispielen

Die Farbe Blau und unser Wortschatz

In vielen Sprachen, wie im Altchinesisch steht qīng als Begriff für grün, blau, violett und schwarz, Vietnamesisch hat kein Wort für Blau, xanh ist dort die Farbe des blauen Himmels und den grünen Blättern des Baumes. Im Russischen wiederum gibt es zahlreiche detaillierte Beschreibungen für die Farbe Blau. Das kann von goluboj für hellblau bis zu sinij für dunkelblau gehen. Durch ihren prägenden russischen Wortschatz für die Schattierungen einzelner Blautöne konnte sie bei einer Studie des MIT (Massachusetts Institute of Technology) feststellen, dass russische Muttersprachlicher schneller zwischen hell- und dunkelblauen Schattierungen unterschieden konnten als zwischen zwei hell- und dunkelblauen Farbtönen. Jeder Proband hat eine individuelle Grenze zwischen Hell- und Dunkelblau, wodurch die Forscher zu dem Entschluss kamen, dass die Sprache eine große Rolle in der Farbunterscheidung im Gehirn spielt.

Ein Vater fährt mit seinem Sohn im Auto. Sie verunglücken. Der Vater stirbt an der Unfallstelle. Der Sohn wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und muss operiert werden. Ein Koryphäe der Chirurgie wird gerufen, eilt in den OP, tritt an den Operationstisch heran, auf dem der Junge liegt, wird kreidebleich und sagt: „Ich bin nicht im Stande, zu operieren. Dies ist mein Sohn.

Hat der Sohn etwa zwei Väter? Seltsam! Im Deutschen wird der Begriff Arzt beispielsweise eher mit einem Mann assoziiert. Generell ist das grammatikalische Geschlecht ein Einflussfaktor auf unser Denken. „La Luna“ ein weiblicher Mond, „Der Mond“, männlich. Dasselbe Wort mit einer anderen Beziehung zu dem Objekt. „Die Brücke“ wie im Deutschen verbindet man wahrscheinlicher eher mit Adjektiven wie Elegant oder schön als im Spanischen, wo das Wort Brücke männlich ist und deshalb eher als groß oder gewaltig angesehen wird.

Wir benutzen im Deutschen sogar das gleiche Wort für die Tätigkeit und ihr komplettes Gegenteil. Wir sollte die Oma besser umfahren, wir sollten die Oma besser umfahren! Paradox oder? In der Germanistik nennt man dies ein Homonym, in der Philosophie eine Äquivokation. Genauer gesagt eine Homographie, gleiche Schreibweise, verschiedene Bedeutung, wobei „umfahren“ schon ein kurioser Sonderfall ist. Geeignetere Beispiele wären eher modern (verwesen oder fortschrittlich) oder Heroin (Droge oder Heldin).

Umfahren wird als konkret als Januswort bezeichnet und definiert ein Wort mit mindestens zwei Bedeutungen, wobei die eine, das Gegenteil des anderes ist. Andere wirklich interessante Beispiele wären:

  • Ausbauen = Entfernen oder vergrößern
  • Anhalten= Andauern/ Fortsetzen und Stillstehen
  • Übersehen = Übersicht haben, nicht sehen
  • Verabschieden = beschließen oder verwerfen
  • Abdecken = Zudecken oder Bedeckung entfernen

Ein Männlein steht im Walde / ganz still und stumm, / wenn ich es nicht umfahre, / dann fahre ich es um.

Robert Gernhardt

Missverständnisse

Wie man an den Janusworten (Janus ist übrigens der römische Gott des Anfangs und des Endes und einer der 82 Monde des Saturn) erkennen kann, ist die Welt voll von Missverständnissen, die auf unsere Sprache zurückzuführen ist. Ein philosophisches Gedankenexperiment zu diesem Thema ist „GAVAGAI“

So sieht es aus:

Als Sprachforscher/ in kommst du in einen dir fremden Dschungel. Dein Ziel ist die Erforschung der Sprache, des dort ansässigen Stammes. Während du es intensiv beobachtest huscht ein Hase aus dem Gebüsch. Ein Ureinwohner zeigt auf ihn und schreien „GAVAGAI!“ Als erstes denkst du, dass Gavagai Hase heißt. Doch heißt es das wirklich? Es könnte ja auch „Unser Abendessen“, „Auf zur Jagd!“ oder „Heute gibt’s ein Gewitter“ Es könnte auch Hasenfuß sein oder Affe (vielleicht sieht der Mann ja auch schlecht) bedeuten. Im Grunde genommen kommst du zu dem Entschluss, dass es so gut wie alles bedeuten kann. Das Eine ist wahrscheinlicher als das Andere, aber ausgeschlossen sind die anderen Bedeutungen deshalb nicht. Du zeichnest also einen Hasen und zeigst dem Ureinwohner dein Gemälde und fragst „Gavagai?“ Er bewegt seine Arme, bedeutet das jetzt ja oder nein? Die korrekte Bedeutung herauszufinden erscheint wie ein Hexenwerk.

Die Frage ist, ob wir jemals zu 100% sicher sein können, was der andere gerade denkt und ausdrücken will. Auch ein Wort mit einer sehr geringen Chance zur Unsicherheit ist nicht mit Garantie das, was du auch verstehen sollst.

Daß niemand den andern versteht, daß keiner bei denselben Worten, dasselbe denkt wie der andere, hatte ich schon allzu deutlich eingeseh’n, Goethe

Facetten der Erinnerung

Wie genau ist was passiert, was ist geschehen, wer und wo und zu welcher Zeit? Bei der Ermittlung von Kriminalfällen oder allgemeinen Tatrückschlüssen sind die Fragen von enormer Bedeutung für die Aufklärung dessen. Welche Formulierung ist jedoch die Korrekte und wie leicht kann man einen Tathergang allein durch die Sprache verändern und damit die Erinnerung des Zeugen? Ziemlich leicht, weshalb die Erinnerung des Zeugen und das Verlassen auf ihn eine kritische Angelegenheit ist. Ein Beispiel ist das Ereignis Dick Cheneys Wachteljagd. Der ehemalige US-Vizepräsident schoss 2006 bei einer Jagd versehentlich dem Jagdpartner und Rechtsanwalt Harry Whittington mit einer Ladung Schrot in die rechte Wange, den Hals und den Brustkorb. Die Tat kann auf unterschiedliche Art beschrieben werden (und die Medien, bsp. Bild nehmen selbstverständlich immer die Skandalöseste)

  • Cheney schoss auf Whittington = Cheney als unmittelbare Ursache
  • Whittington wurde von Cheney angeschossen = Cheney rückt in den Hintergrund, Whittington gewinnt an Bedeutung
  • Whittington bekam eine Schrotladung ab = Cheney bleibt aus dem Spiel
  • Cheney hörte eine Wachtel auffliegen, drückte ab und sah, dass sein Freund verwundet war = Cheney wird vom Täter zum Zeugen (Wie George Bush es formulierte)

Sprachlich gibt es zum Beispiel große Unterschiede zwischen dem Englischen und dem Spanischen. Wer hat die Vase zerbrochen?

  • Englisch = „Max broke the vase“ (Täter wird als Subjekt als die Ursache entlarvt)
  • Spanisch = „Se rompió el florero” – Die Vase zerbrach sich (Kein Täter bestimmt, wohl durch Zauberhand?)

Dieses Phänomen konnte die Studentin Caitlin M. Fausey und Lera Boroditsky 2010 in einer Studie herausfinden. Dabei wurde jeweils Muttersprachler aus England und Spanien zur Rekonstruktion eines bestimmten Ereignisses ausgefragt.  Bei absichtlichen Taten kamen beide Sprachen zur ungefähr gleichen Analyse. Bei einem Missgeschick waren spanisch Sprechende jedoch deutlich weniger dazu geneigt, die Unfälle aktiv zu beschreiben und sie erinnerten sich auch schlechter an die Verursacher.

Fazit

Sprache ist auf unserem Planeten so Variantenreich wie manche Tierarten und genau so verschieden. Sie haben einen großen Einfluss auf unser Denken und sind nicht frei von Missverständnissen, wenn es um die Kommunikation zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen kommt, im Gegenteil. Sie lädt zu Missinterpretationen ein und schafft es mit kuriosen Nuancierungen, dass zwei Gesprächspartner aneinander vorbeireden. Dennoch ist sie ein oftmals tolles Werkzeug zum Beschreiben von Dingen, Erzählen von Geschichten, Austauschen von Informationen und vielem mehr. Kurzum, in einer Welt ohne Sprache wäre vieles nicht mehr so möglich, wie wir es praktizieren und es hätte Auswirkungen auf alle Lebensbereiche und wir können uns noch auf viele sprachliche Missverständnisse einstellen, solange wir die Sprache nicht einstellen.

Mit jeder Sprache mehr, die du erlernst, befreist

Du einen bis daher in dir gebundnen Geist,

Der jetzo tätig wird mit eigner Denkverbindung,

Dir aufschließt unbekannt gewes’ne Weltempfindung,

Empfindung, wie ein Volk sich in der Welt empfunden;

Nun diese Menschheitsform hast du in dir gefunden.

Ein alter Dichter, der nur dreier Sprachen Gaben

Besessen, rühmte sich, der Seelen drei zu haben.

Und wirklich hätt‘ in sich nur alle Menschengeister

Der Geist vereint, der recht wär‘ aller Sprachen Meister.

Friedrich Rückert, Dichter

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